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Doch die erste Seite war nichts gegen das, was folgen sollte. Ich liebe es, wenn ich nichts geplant habe und mich dann in letzter Sekunde entscheiden kann, was ich mache, und wen ich treffe. Die Regeln, die mir vorschreiben wollen, was ich machen muss, damit sich jeder Mann in mich verliebt, sind nun wirklich aus dem Mittelalter. Dritte Regel: Beenden Sie alle Telefongespräche nach zehn Minuten, rufen Sie einen Mann nie an, und – jetzt kommts – rufen Sie nicht zurück.

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Trotzdem versprach ich Sandra, die Regeln eine Zeit lang zu befolgen, Wie bei einer neuen Diät wollte ich die Gewissheit, dass das Buch reine Geldverschwendung ist. » Gottseidank traf ich zufälligerweise einen Freund eines Freunds, wir haben uns öfter auf Partys getroffen, aber ich habe ihn vorher kaum wahrgenommen, und der wollte mich für den nächsten Tag zum Essen einladen (er schrieb eine Facebook-Nachricht, aber immerhin). Nach genau zwei Stunden sagte ich, ich müsse noch was erledigen. Ignorierte aber meine Bemerkung und sprach einfach weiter. Es war wieder ausnehmend lustig, auch wenn ich mein geheimnisvolles Getue langsam als anstrengend empfand. Also Bar in meiner Nähe, wenig von mir preisgeben, vor allem zuhören, nicht lange bleiben, zahlen lassen.

Und wie heisst es so schön im Buch: «Befolgen Sie konsequent die Regeln, auch wenns zu Beginn harzig läuft! Ass mein Thai-Curry und hörte zu und hörte zu und hörte zu. Auch diesmal: Die Bar hatte er vorgeschlagen («Überlasse die Führung dem Mann.» Regel Nummer 17), und sie war nur fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Auf die Frage, wie viele Affären ich schon hatte, habe ich nicht geantwortet und nach zwei Stunden die Unterhaltung beendet. Aber: Nicht bleiben, sangen Sandra und das Buch im Chor. Es verging ein erster Tag, ein zweiter, dritter, vierter. Also wieder beschäftigt tun und erst eine Woche später zum Abendessen verabreden. Aber ich befolge gewöhnlich auch keine Dating-Regeln.

Einmal sass ich sogar einen ganzen Nachmittag allein in einem Café und las ein Buch. Regeltechnisch gesehen machte ich also alles richtig. Auch ein zweites Mal musste ich die Einladung ausschlagen, weil sie nicht vor Mittwoch kam (ich hatte schon Schiss, er zieht sein Angebot zurück). (Ich vermute aber, das war Zufall.) Ich sass also da. Laut den Regel-Gurus ein grosser Fehler, aber egal. Eine Woche später traf ich Marco, so heisst der Typ, in einer Zürcher Szenebar. Schliesslich war ich ausgesprochen zugeknöpft an diesem Abend.

Einige Menschen halten sich an die Zehn Gebote, andere an «The Rules» – Die Regeln. Zugegeben, der Erfolg des Buchs klang beeindruckend. Das Prinzip: Nicht ansprechen, nicht zurückrufen, nicht bleiben, nicht spontan treffen, nicht alles eigentlich. Ausserdem verkleinert sich die «Auswahl» massiv, wenn ich mich nur noch mit Männern verabreden kann, die den Mut aufbringen, mich anzusprechen. Dreissig Minuten später, wieder: «Ich muss langsam …» Diesmal orderte er die Rechnung und zahlte. Regel Nummer vier.) Wir gingen, verabschiedeten uns, und ja: Das wars. Ich überlegte, ob ich den Autorinnen ein Mail schreiben soll, ihr Buch sei Quatsch. Ich kann doch nicht ständig allen Fragen ausweichen.

Überzeugt davon, nur so ein erfülltes, also erfolgreiches Leben zu führen, sind sie alle. «The Rules» führte mehrere Bestsellerlisten an und verkaufte sich über zwei Millionen Mal, besonders häufig natürlich in den USA, von wo es stammt. Adieu, danke und den Mann zahlen lassen.» Super Taktik … So erfahren Sie mehr über ihn und bleiben geheimnisvoll. Ein Freund hat mal gesagt: «Wenn sie beim ersten Date nicht mit mir ins Bett steigt, ist die Wahrscheinlichkeit tausendmal grösser, dass ich sie ein zweites Mal sehen will, als wenn wir es beim ersten Mal getan hätten, selbst wenn es gut war.» Er muss es wissen. Ich würde gern von einem erfolgreichen Start in das Regel-Dating berichten. Ich hätte schliesslich alles richtig gemacht, und der Typ habe sich dennoch nie wieder gemeldet. Ein neuer Arbeitskollege erzählte mir von seinem ehemaligen Arbeitskollegen, der mich kennen lernen wolle. Nach drei Stunden beendete ich die Verabredung (ich hätte noch was vor). Eigentlich sehr lange für eine erste Dating-Phase, aber da ich immer wieder die Dates rausschieben musste (wegen der bescheuerten Mittwoch-Regel), trafen wir uns nicht so oft.

Aber während jedes Kind in der Schulzeit unausweichlich mit den Zehn Geboten konfrontiert wird, kann es problemlos ohne jegliche Kenntnis der «Rules» aufwachsen. Sängerin Beyoncé Knowles und ihre Kollegin von Destiny’s Child, Kelly Rowland, oder das Model Kimora Lee Simmons bekennen, Regel-Frauen zu sein, und die beiden Autorinnen Ellen Fein und Sherrie Schneider schafften es bis ganz nach oben in den Talkshowhimmel, bis zu Oprah Winfrey. In Amerika schwören sie auf Weight Watchers, und trotzdem sind 75 Prozent aller US-Bürger übergewichtig. Was soll ich Theater spielen, wenn ich einen Mann mag und er mich. Ich meine, kein Problem, wenn sich der Mann als Langweiler oder arrogantes Arschloch entpuppt. Schön, aber wie soll er sich bitteschön in mich verlieben, wenn er praktisch keine Ahnung hat, wer ich bin? Auf ihrer Website bieten sie eine interaktive Beratung an. Einen Tag später fragte er per Mail, wann wir uns das nächste Mal sehen. Marco wollte mich trotzdem sehen, blieb hartnäckig. Und das, obwohl «The Rules» und sein Nachfolgewerk mittlerweile in 26 Sprachen vorliegen (auf Deutsch unter dem etwas ungelenken Titel «Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden»). Und dazu eine, die mich vor einiger Zeit offen in ihren Kreis aufgenommen hat. Einmal mehr enttäuscht von einer Affäre, hatte sie beschlossen, «alles anders zu machen». Ein Jahr danach – ich war wieder mal bei Sandra zu Besuch – jammerte ich über die Männerwelt. Die Antwort in den «Rules»: «Männer wollen spielen, lassen wir sie spielen.» Vierte Regel: Beenden Sie alle Verabredungen, und beenden Sie sie spätestens nach drei Stunden. Aber es gibt diese Abende, da will man, dass sie nie aufhören, weil sie so lustig und schön sind. Das kann ein Mann nur so deuten, dass er mir nicht gefällt. Und wenn wir uns im Altersheim wiedertreffen, sagt er mir, ich wäre eigentlich seine Traumfrau gewesen, er hätte aber geglaubt, ich sei nicht interessiert an ihm und habe sich darum nie gemeldet … Man kann ihnen das «Problem» per Mail schreiben, sie werden antworten. Erst später sah ich: Der Dienst kostet pro Mail 150 Dollar. Aber «The Rules» richtet sich halt nur an Frauen und dann wiederum nur an Frauen, die auf der Suche nach einem Mann sind. Inspiration suchte sie in unzähligen Beziehungsschmökern mit so viel versprechenden Titeln wie «Endlich Männer verstehen», «Vergiss die Nadel, nimm den Heuhaufen» und eben «The Rules». «Es hat eigentlich alles gepasst, wirklich, und er hat mich eingeladen und dann auch gesagt, er wolle mich wiedersehen und dann ich so und dann er so und dann – dann meldet er sich nicht mehr. Letzteres erklärte sie fortan zu ihrer neuen Bibel. Einfach nicht mehr.» Ich verstand nicht, was der nun wollte, was ich nicht hatte, wenn er alles so toll fand, was ich hatte. Ich müsse das jetzt lesen, dann sei alles einfacher, sagte, nein, befahl sie mir. «Die Regeln funktionieren, weil sie funktionieren und schon immer funktioniert haben.» Ehm ja. Sie kam mir vor wie eine dieser Frauen an der Zürcher Bahnhofstrasse, die dir irgendwelche Zettel in die Hand drücken, die du bestimmt nicht willst, und darauf steht, was du machen musst, um «endlich glücklich zu werden und das Licht zu erfahren». Ich war zu müde (und wahrscheinlich auch zu betrunken), um Widerstand zu leisten, und so zottelte ich mit dem Buch unter dem Arm ab. «Millionen Frauen befolgen sie und sind glücklich damit. Ein «Hallo, ich habe heut Abend nichts vor, was machst du? Es vergingen keine zwei Tage, bis meine Neugier und der Nützts-nichts-so-schadets-nichts-Glaube obsiegten. Mit diesem Buch sparen sie 150 Franken Honorar für jede Sitzung beim Therapeuten.» Jaja, natürlich. » ist sicher tausendmal besser als «Ich hätte in zwei Wochen zwischen zwei und halb drei einen Slot für dich».